Von:
Dr.Barbara Ecker h8450583@gutemine.wu-wien.ac.at
Oktober 1998
Einleitung
Ziel dieses kleinen Aufsatzes ist es, eine kurze Einführung in das Thema "Taiji" zu geben. Es ist offensichtlich, daß es sich bei den folgenden Zeilen um keine umfassende oder vollständige Einführung handeln kann. Abgesehen davon, daß vieles im Taiji gezeigt und gefühlt werden muß, lag das auch nie in der Absicht der Autorin. Wenn diese Zeilen einigen dabei helfen, die richtige LehrerIn zu finden, zu kritischem Hinterfragen verleiten und Anlaß zu der einen oder anderen Diskussion geben - dann habe ich mein Ziel erreicht.
Zum besseren Verständnis ist anzumerken, daß ich derzeit vor allem Yang Stil übe, allerdings auch wann immer möglich an Seminaren und workshops anderer Stile teilnehme. Wenn also mehr über den Yang Stil gesagt wird, als über andere Stile, ist das keinesfalls eine Wertung, sondern spiegelt meinen persönlichen Zugang zu Taiji wider.
Zur Sprache: Ich habe mich langem Überlegen entschlossen, "die LehrerIn" immer dort zu verwenden, wo eigentlich "der Lehrer/die Lehrerin" stehen müßte. Das geschieht ausschließlich zur Entlastung des Textes und schließt keineswegs eines der beiden Geschlechter aus!
Was ist Taiji?
Wenn ich erzähle, ich "mache Taiji", dann kommt üblicherweise eine der folgenden Antworten:
"Ah, das ist das, was die alten Leute in China im Park machen!"
Ganz, ganz selten sagt jemand "ist das eine Kampfkunst?"
Eine (zumindest in Yang-Kreisen) oft erzählte Geschichte ist, daß sich Taiji "aus einer Kampfkunst entwickelt hat". Und heute vorwiegend aus gesundheitlichen Gründen geübt wird.
Das ist ein Statement, das ich nicht so ohne weiteres unterschreiben würde. Es kommt sehr auf den Blickpunkt der Übenden an.
Aber der Reihe nach. Ich habe da gerade "Yang" gesagt ... das hat rein gar nichts mit dem Yin und Yang des allseits bekannten Symbols zu tun. Es ist im Gegenteil der Familienname einer chinesischen Familie, die einen Stil vertritt, der nach ihr benannt ist. Das ist nicht der einzige Stil, auch nicht der älteste, aber der - zumindest im Westen - am bekannteste. Der Stil, aus dem der Yang Stil entwickelt wurde, ist der Chen Stil. (Andere Stile sind etwa Wu und Sun Stil.)
Welcher Stil ist der richtige?
Das ist eine gute Frage. Die aber nicht allgemein beantwortet werden kann. Abgesehen davon, daß immer wieder Streitgespräche entbrennen, welcher Stil besser sein, welcher die besseren Kämpfer hervorgebracht hat, etc.etc.etc. - abgesehen davon ist es viel wichtiger, wie gut die Person ist, bei der man/frau lernen möchte. Was habe ich schließlich davon, daß der Stil X zwar der weltbeste ist, nur leider ist der Typ, der mir das beibringen will, die größte Niete?!
Womit wir bei der nächsten Frage sind: Wo finde ich eine gute LehrerIn?
Die Frage hat zwei Teile: Wo und gute LehrerIn
Wo: Gute Quellen sind Telefonbücher, das Internet, lokale Zeitungen, Klein-Plakate, Freunde-fragen und so weiter.
Gute LehrerIn: Was ist das und wie erkenne ich sie/ihn?
Es fängt schon bei der Kontaktaufnahme an:
Zeitgenossen, die nette Plakate affichieren, auf denen dann zu lesen steht, man könne beim x-ten Großmeister und Sieger irgendeines Wettbewerbs Kampfsport (das gilt nicht nur für Taiji) lernen - nur leider hat der liebe Großmeister keinen Namen und natürlich auch kein Gesicht (kein Foto bzw. ein äußerst unscharfes am Plakat) müssen wohl nicht besonders kommentiert werden. Es wird schon einen Grund haben, daß der Name nicht erwähnt wird.
Interessant finde ich auch, daß sich auf Flugzetteln immer wieder diverse Taiji-Titel und Gradbezeichnungen finden, die die zukünftige LehrerIn angeblich besitzt. In Taiji werden an sich traditionellerweise keine Grade bzw. Gürtelfarben vergeben, wie das in anderen Kampfsportarten wie etwa in Karate üblich ist.
Ein weiteres Kriterium ist für mich persönlich, ob es eine Möglichkeit gibt, eine (möglichst kostenlose) Schnupperstunde zu besuchen. Schließlich ist es nur recht und billig, einmal zu sehen, wofür ich Zeit und Geld aufwenden soll.
Stellt sich beim ersten Besuch dann allmählich heraus, daß die Organisation sehr straff und irgendwie Sekten-ähnlich ist, ist das für mich ein Warnhinweis, daß ich da wohl nicht sehr viel über Taiji lernen werde.
In der (Schnupper-)Stunde selbst möchte ich gerne erleben, daß sich die LehrerIn um meine Gesundheit ein wenig Sorgen macht. Das heißt, ich will einen Hinweis - gefolgt von entsprechenden Korrekturen - haben, daß ich mein Knie gefälligst genau über meinem Fuß zu halten habe, egal in welcher Position ich gerade bin. Und mein Arm sich nie ganz durchstrecken soll, besonders nicht bei einem "punch". (Übrigens auch heiße Tips zur Bewertung von external martial arts álá Karate.) Das ganze bitte nicht nur einmal pro Semester sondern wirklich gelebt, in jeder Stunde, wann immer nötig. Anmerkung: Das sind meine Minimalanforderungen - zu korrekter Haltung gehört schon noch etwas mehr.
Schlußendlich bleibt noch das "Taiji-Know-How" der LehrerIn zu testen. Eine Anleitung dazu findet sich als "Teacher Test" unter http://www.m.ISAR.de/~denner/neijia/
In der Schnupperstunde sollte auch klar geworden sein, ob die LehrerIn zu den "Esoterikern" gehört. Das heißt daß es im AnfängerInnenkurs fast nur um irgendwelches magisches Qi/Chi geht, das irgendwohin gesendet wird. Es kann ganz lustig sein, einige Zeit bei so einer Gruppe zu sein. Aber wer unter Taiji nicht nur Tanzen versteht, ist dort wahrscheinlich am falschen Platz. Anmerkung: Die Betonung liegt hier auf Anfängerkurs und Qi/Chi ist hier nicht dasselbe wie Absicht, Intention und Aufmerksamkeit.
Interessant ist auch die Frage nach der Verfügbarkeit einer Push Hands Klasse (siehe unten). Wird die Frage verneint oder gar ins Lächerliche gezogen, ist Vorsicht am Platz. Wenn ich nur die Form lernen will und sonst nichts, dann werde ich vielleicht fürs erste doch mit der LehrerIn zufrieden sein. Das gilt es aber erst einmal bewußt abzuklären. Es kommt also auch hier, so wie überall im Leben darauf an, was mein Ziel ist. ("Form" ist die Bewegungsabfolge, die des öfteren in Parks oder im Fernsehen zu sehen ist und die den meisten Leuten einfällt, wenn sie an Schattenboxen denken.) Anmerkung: Leider hat es oft einen Grund, warum keine push hands Klasse angeboten wird - die LehrerIn kann nicht pushen. Was sich meiner Erfahrung nach praktisch immer auf die Qualität von Form und Unterrichts auswirkt.
Und schließlich gibt es da noch den Lehrer, der einfach alles kann (Frauen sind mir bisher keine bekannt): Ein und dieselbe Person bietet Karate, Taekwondo, Taiji, Judo, Xing-Yi, Bagua, Kung-Fu (eigentlich Wushu) und was nicht noch alles an. Eine Kombination, bei der mit großer Wahrscheinlichkeit genau das auf der Strecke bleibt, was die "internal martial arts" (also Taiji, Bagua, Xing-Yi in dem obigen Beispiel) ausmacht. Natürlich KANN es jemanden geben, der alle diese Stile wirklich gut beherrscht - aber das ist eher selten zu finden. Und es ist eben "nicht alles dasselbe", wie oft von diversen Personen behauptet wird. Zumindest nicht auf dem Niveau, das üblicherweise unterrichtet wird.
Taiji als Martial Art
Das ist der Teil, der mich persönlich sehr interessiert. Es ist zugleich auch der Teil, der nur eher selten unterrichtet wird. Die meisten (Yang) Schulen verstehen sich als "nur und ausschließlich für die Gesundheit". Gesundheit ist sicher ein sehr wichtiger Punkt (und ein sehr schöner Nebeneffekt), aber meiner Meinung nach verliert das System durch das vollkommene Ignorieren seines Ursprungs wesentliche Elemente. Umgekehrt ist aber auch eine Martial Art, die der Gesundheit schadet völlig unbrauchbar. Es sollten beide Aspekte miteinander verbunden sein. Was habe ich davon, wenn ich mich irgendwann einmal perfekt verteidigen kann, wenn ich mich zum Krüppel trainiert habe?
Wird Taiji unter dem Gesichtspunkt einer Martial Art betrachtet, macht das oft zu sehende langsame Üben mit einem Mal Sinn. Grob gesprochen geht es dabei darum, eine neue Art der Bewegung zu erlernen; den Körper möglichst effizient zu nutzen. Um das Einlernen von neuen Bewegungsmustern zu erleichtern, wird langsam geübt. Die langsame Bewegung macht Fehler im Bewegungsablauf und in der Körperhaltung sehr schnell sichtbar. Langsames Üben bedeutet übrigens nicht, daß auch die Anwendung langsam ist - ganz im Gegenteil.
Taiji ist aber nicht nur langsam - es gibt auch Stile, die zusätzlich zur langsamen Form eine schnelle Form üben. (Beispielsweise einige Yang-Schulen und natürlich der Chen Stil.) Nur die schnelle Form zu lernen bzw. vor allem diese zu üben ist m.E. aber nicht sinnvoll. Das Risiko, allzu rasch in eine Art "externes Üben" zu kommen, ist hier sehr hoch. "Extern" bedeutet in diesem Fall, daß die Bewegung mit Hilfe lokaler Muskulatur ausgeführt wird, im Unterschied zu der "internen Bewegungsart", die das Taiji lehrt.
Der Vollständigkeit halber sei auch noch erwähnt, daß es in Taiji auch Waffenformen gibt. (Auf die ich an dieser Stelle aber nicht näher eingehen möchte.)
Anwendungen
Viele Figuren der Taiji-Form bekommen erst dann einen Sinn, wenn ihre Anwendung bekannt ist. Das Wissen um die Anwendung ermöglicht, die Bewegung richtig und mit Verständnis ausführen zu können. Damit ist dann auch ein Lösen vom sturen Auswendiglernen der Positionen möglich. (Es muß also nicht mehr gelernt werden, daß der Arm bei Figur X in einem Winkel von genau 90° zur Brust gehalten werden muß; vielmehr ergibt sich das durch das Wissen um die Anwendung, das Vorstellen eines imaginären Gegners und das richtige Bewegungsmuster quasi von selbst.) Das Erkennen der Anwendung - oder genauer: der Anwendungen, denn es gibt nicht DIE Anwendung für eine Figur, sondern vielmehr mehrere mögliche - in der Taijiform ist nicht immer leicht, vieles ist verdeckt. Dem Yang-Stil beispielsweise wird nachgesagt, die Anwendungen besonders gut hinter den stilisierten Figuren zu verstecken. Hier ist also ein gewisses Maß an Detektivarbeit nötig, bei der am besten eine gute LehrerIn hilft.
Es reicht aber auch nicht wirklich aus, nur zu wissen, "wie die Anwendung der Figur ausschaut" (weil sie zum Beispiel einmal gezeigt wurde). Genaues Wissen um Timing und Dynamik der Aktion, um Funktionsweise diverser Hebel, um Improvisationsmöglichkeiten, um Anatomie etc. gehören genauso dazu. Ein weites Feld - und noch dazu eines, das von sehr wenigen Lehrenden abgedeckt wird. (Vielleicht auch wegen mangelnder Nachfrage??)
Ein erster Schritt in diese Richtung ist der Besuch einer Push Hands Klasse (tui shou auf Chinesisch, wörtlich: Schiebende Hände). Hier wird mit einem Partner geübt, zunächst nach fixen Bewegungsmustern ohne Schritte, später nach fixen Bewegungsmustern mit Schritten und auch freies pushen, sowohl mit als auch ohne Schritte sollte seinen Platz haben. Sinn dieser Übungen ist, das Agieren und Reagieren mit einem Partner zu lernen.
Hilfe, ich finde keine LehrerIn!
Hmm, dann kann ich nur sagen: Willkommen im Club! Wie ich in meiner Zeit im internet immer wieder festgestellt habe, gibt es weltweit nur sehr wenige Übende, die eine gute LehrerIn in ihrer näheren Umgebung haben. Viele lernen die Grundbegriffe (also zum Beispiel den Ablauf einer Form) bei jemandem, der leider nicht den teacher test besteht, aber eben der/die einzig Verfügbare ist. Weiterentwickelt wird das Taiji dann durch Seminarbesuche, durch die Diskussionen im internet (es gibt verschiedene Listen, 2 davon sind die englischsprachige neijia list (homepage: http://www.neijia.org) und die deutschsprachige neijia-ger (homepage: http://www.madb.de/neijia-ger/)), durch Ausprobieren und durch Üben mit Gleichgesinnten.
Was genau betrachtet auch nicht das Schlechteste ist: Es zwingt dazu, selbständig zu denken und zu hinterfragen. Und das sollte einem gerade eine gute LehrerIn ohnehin nicht abnehmen. Trotzdem bleibt unbestritten, daß es mit Unterstützung durch die gute LehrerIn leichter ist.
Alle hier geäußerten Meinungen sind einzig und allein meine und nicht notwendigerweise ident mit der Meinung der neijia-Germany Diskussionsliste bzw. ihrem listowner.
Dr. Barbara Ecker
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